Status quo

Nachdem ich lange weder in meinem eigenen noch in anderen Blogs geschrieben habe und auch nicht auf Twitter war, merke ich langsam das Bedürfnis, mich zumindest schrittweise mitzuteilen. Heute habe ich wieder einmal bemerkt, dass ich im Grunde aus dem immer gleichen Status quo nicht herauskomme. Es ändern sich immer ein paar Kleinigkeiten, aber vor meinem inneren Auge stellen sich meine verschiedenen Befindlichkeiten wie in einem Kreis dar- befinde ich mich an der einen Stelle des Kreises, kann ich mit ziemlicher Sicherheit davon ausgehen, mich demnächst an einer ganz bestimmten anderen Stelle wiederzufinden. Und so geht es immer weiter, als wäre ich tatsächlich unfähig, den Ausstieg zu finden. Ein Gedanke, den ich nicht zu Ende denken möchte- würde er doch bedeuten, dass ich in diesem Kreis, der sich auf einem gedrückten emotionalen Niveau befindet, ein ganzes Leben lang verharren müsste. Das Grauen, das mich bei diesem Gedanken befällt, müsste eigentlich schon Antrieb genug sein, um es zu schaffen, diesen Kreislauf zu durchbrechen. 

Um für mich ein wenig mehr Klarheit in diesen Nebel aus Gefühlen und Wünschen zu bringen, versuche ich mal, den Status quo zu schildern.

In letzter Zeit ist mir das, was Psychotherapeuten gerne als „inneres Kind“ bezeichnen, immer wieder sehr bewusst. Ich merke, dass viele meiner Bedürfnisse- psychisch/seelisch das Bedürfnis, freundlich behandelt zu werden, keinen unberechenbaren Reaktionen ausgeliefert zu sein, gelobt zu werden, „lieb“ gehabt zu werden, keine Leistung erbringen zu müssen und körperlich das Bedürfnis, ausgeschlafen zu sein, genug essen und trinken zu können, mich schmerzfrei und ohne große Erschöpfung bewegen zu können- sehr kindliche Bedürfnisse sind. Es fällt mir schwer, sie deshalb als zulässige Bedürfnisse anzuerkennen, schließlich bin ich erwachsen und sollte jenseits solcher kindlichen Wünsche leben können. Gleichzeitig ist mir durchaus klar, dass es einfach auch ganz normale menschliche Wünsche sind.

Immer deutlicher wird mir aber vor allem, dass viele dieser Bedürfnisse als Kind nicht wirklich erfüllt wurden. Wäre es nun so, dass meine Familie offensichtlich nicht in der Lage gewesen wäre, diese Bedürfnisse zu erfüllen und könnte ich mit diesem klären Bewusstsein auf meine Kindheit zurück schauen, dann wäre es vielleicht leichter (wenn auch natürlich nicht weniger schmerzhaft), dies anzuerkennen. Nun war es aber so, dass es an der Oberfläche immer so aussah und auch in der Rückschau immer noch so aussieht, als wären alle meine Bedürfnisse erfüllt worden und als wäre ich gut rundum versorgt worden. Das Subtile, Unterschwellige war nur bei ganz genauem Hinsehen und Hinhören zu spüren. Wenn ich mir die Fakten ansehe, kann ich es ja nicht mal selber wahrnehmen. Und das macht es mir so schwer, anzuerkennen, dass der kindliche Teil in mir alles Recht der Welt hat, traurig zu sein und diese Bedürfnisse so sehr zu verspüren. 

Und absurderweise scheine ich einfach übergangslos nach der Kindheit immer weiter gehofft zu haben, dass meine Eltern diese Bedürfnisse irgendwann doch noch erfüllen würden. Nach dem Motto: Wenn ich mir nur richtig verhalte (ohne so wirklich genau zu wissen, was „richtig“ bedeuten würde, schließlich wechselte die Bedeutung dieses Wortes in Bezug auf mein Verhalten sehr rasch je nach Situation), dann bekomme ich bestimmt eines Tages mal ein Gefühl, wie sich bedingungslose Liebe anfühlt. Wie das ist, wenn man in den Arm genommen wird, weil man in Ordnung ist, so wie man ist und nicht, weil die Mutter entweder gerade Trost brauchte oder ein Machtbedürfnis zeigen wollte. Ich lebe im Grunde mein ganzes Leben darauf ausgerichtet, irgendwann doch noch genug Liebe und Zuwendung zu erhalten.

Und weiß doch gleichzeitig, dass das definitiv nicht passieren wird. Weder in dieser Familie noch außerhalb davon, alleine schon deswegen, weil ich es einfach gar nicht kann, mich auf irgendeine tiefer gehende Beziehung einzulassen. Vielleicht aus Angst, auch dann wieder nur kämpfen zu müssen, vielleicht aber auch ganz banal, weil ich die Auseinandersetzungen scheue, die unweigerlich auftreten, sobald ich Kontakte außerhalb des engen Familienkreises habe.

Es nervt mich, es nervt mich so unglaublich, dass ich anscheinend so unfähig bin. Ich bin nicht grundsätzlich außer Stande, Situationen, in denen ich mich nicht wohlfühle, zu ändern, aber in dieser familiären Situation schaffe ich es nicht.
Dabei scheinen es solche Banalitäten zu sein:

Ich würde mich gerne in meiner Wohnung sicher fühlen, was für mich bedeuten würde, dass ich nicht den ganzen Tag bis 20.00 Uhr (dann beginnt das Fernsehprogramm und ich kann sehr sicher sein, dass das immer oberste Priorität hat) jederzeit damit rechnen müsste, dass jemand herein kommt. Immer mit vermeintlich „wichtigen“ Anliegen, die natürlich immer auch einige Stunden hätten warten können. 

Und so lächerlich es klingt, ich schaffe es nicht, dann halt einfach die Wohnungstür zuzusperren oder wenigstens ein „Nicht stören“ Schild an die Tür zu hängen. Ich schaffe es einfach nicht. Und komme mir so unfähig dabei vor. Wenn ich versuche, heraus zu finden, warum das so ist, kommt immer wieder eine große Angst vor dem „Verstoßenwerden“ in mir hoch. Denn immer wieder, wenn ich im Gespräch versucht habe, um mehr Privatsphäre zu bitten, kamen Vorwürfe („ich war nur deinetwegen rein gekommen, weil dies und das ganz wichtig für dich waren“ oder „neulich als du krank warst, musste ich dir ja schließlich helfen“), verbunden mit der beleidigten Aussage „ich komm jetzt überhaupt nicht mehr zu dir, wirst schon sehen“. Was dann vielleicht 24 Std. Anhält, in denen ich nur angespannt bin und darauf warte, wann mir mein „frecher“ Vorstoß verziehen wird. Denn ich kann dann nicht daran denken, dass wenigstens im Moment meine Wünsche respektiert werden, sondern nur daran, dass ich jetzt als Strafe für mein Autonomiestreben ignoriert werde. 

Womit ich mich mitten in einem dieser Kreise befinde- ein Ausstieg wäre nur möglich, wenn es mir gelingt, nicht die Strafe wahrzunehmen, sondern den Fokus auf den Respekt gegenüber meinen Wünschen zu legen. Sodass ich dann, sobald die Straf- Phase vorüber ist und wieder munter herein marschiert wird, den Mut und die Kraft habe, wieder auf meine Grenzen und Wünsche hinzuweisen, anstatt das erneute Missachten wie eine Erlösung wahrzunehmen, weil mir ja verziehen wurde und ich wieder „lieb gehabt“ werde. 

Vielleicht könnte es so funktionieren. 

Beim Schreiben erscheint es mir so viel klarer und offensichtlicher, ein großes Geschenk des Schreibens, immer und immer wieder.

Und gleichzeitig merke ich, wie schwer es ist, dieses Gefühl des kleinen Kindes auszuhalten, das für einen eigentlich legitimen Wunsch mit der Erfüllung dieses Wunsches bestraft wird und diese unterschwellige Absurdität einfach gar nicht versteht. Verbunden mit der Traurigkeit, dass es dann wohl jetzt nicht mehr geliebt wird, weil es versucht hat, einen eigenen, getrennten Wunsch zu formulieren. 

Als Erwachsene verstehe ich den Zusammenhang und begreife auch, dass der Wunsch nach Liebe und Zugehörigkeit den Wunsch nach Autonomie deutlich übertrifft. Gleichzeitig versuche ich, dem Kind klar zu machen, dass der erste Wünsche zwar auch völlig gerechtfertigt ist, aber von den Menschen, auf die er sich von Anfang an konzentrierte, niemals wirklich erfüllt werden wird. Ganz egal, wie lange wir darum kämpfen würden. 

Dabei auch noch zu wissen, dass all die subtilen Bestrafungen, das Machtausüben, der Liebesentzug und die Drohungen nicht mal aus wirklicher Bösartigkeit, sondern einfach auch nur wieder aufgrund nicht erfüllter eigener Wünsche stattfinden, macht es nicht leichter. Einfach wäre, hassen zu können aufgrund von gemeiner Boshaftigkeit. Viel schwieriger ist das Anerkennen, dass alle Beteiligten unerfüllte Bedürfnisse haben, ich aber nicht für all diese Wünsche verantwortlich bin. Und wenn ich nicht bald lerne, mir wenigstens ansatzweise meine eigenen Bedürfnisse zu erfüllen, dann werde ich sehr bald keine Kraft mehr haben, noch die Wünsche anderer Menschen zu erfüllen.

Zunehmend drängt sich mir nämlich auch die Erkenntnis auf, dass diese abgrundtiefe Erschöpfung, die seit Jahren immer mehr zunimmt, sicher zu einem großen Teil auch auf diese permanenten inneren Kämpfe, all die geschluckten Tränen, nicht ausgesprochenen Worte und die ständige Anspannung ohne ein Gefühl der Sicherheit erfahren zu können, zurück zu führen ist. 

Es ist so sehr höchste Zeit. 

Dunkle Gefühle

Es scheint sehr zuverlässig immer wieder Zeiten in meinem Leben zu geben, in denen es mir außerordentlich schwer fällt, das Positive zu sehen und nicht von jedem Windhauch emotional umgepustet zu werden.Zwar finde ich manchmal Zusammenhänge und kann dann etwas verändern, manchmal aber auch nicht. Oder es sind äußere Faktoren, die sich meinem Einfluss entziehen.

Wie gerne würde ich dann all den Stimmen glauben, die sagen, dass man seine eigene Realität manifestiert, dass man durch eine positive innere Einstellung auch das Äußere verändern kann. Ja, ich glaube sogar tatsächlich, dass das so ist und funktionieren kann. Nur, wenn ich im Dunklen bin, kein Streichholz habe und egal, in welche Richtung ich mich drehe, dort nur Dunkles sehe, dann gelingt es mir nicht, meine Gedanken zu ändern. Ich weiß nicht, wie ich mein Denken dazu bewegen könnte, nicht in der Trauer und all den dunklen Gefühlen zu verharren, die es dann beherrschen. Positive Grundeinstellung funktioniert bei mir nur, wenn ich zumindest noch Licht sehe. 

„Eigentlich“ ist alles gut- meine neue Stelle hat sich als große Erleichterung gegenüber der alten heraus gestellt, bis auf einzelne Personen, die manchmal ein wenig ungeduldig sind, sind alle sehr freundlich, ich habe nur vier Arbeitstage, mein Chef ist super angenehm, die Fahrtstrecke ist auch ok, ich habe eine warme, gemütliche Wohnung, eine Seele von Hund…aber uneigentlich zieht mich jede kleinste Missstimmung noch tiefer. Die Umgangsweise innerhalb der Familie ist momentan mal wieder sehr anstrengend, negativ geprägt, voller Vorwürfe und Vorhaltungen. Auch wenn ich intellektuell weiß, dass eben meine Mutter eine deutlich spürbare Persönlichkeitsstörung hat und vieles in ihrem Verhalten nicht wirklich etwas mit mir, sondern vornehmlich mit ihr selbst zu tun hat, so trifft es mich doch permanent und jedes Mal. Was ich nicht verstehe- warum könnte ich noch, genauso wie als kleines Kind, in Tränen ausbrechen, wenn sie wieder Hektik verbreitet, harte Kritik, manchmal nicht mal verpackt, vornehmlich an meinem Vater, äußert und sich im gleichen Atemzug als arme, ungeliebte Person darstellt? Ja, natürlich, man trägt auch las Erwachsene immer noch das kleine Kind in sich, aber was bringt es diesem kindlichen Anteil und was bringt es dem erwachsenen Anteil, sich immer noch und jedes einzelne Mal aufs Neue so traurig und verletzt zu fühlen?

Was mich fast noch trauriger macht, ist die Tatsache, dass ich auch wirklich keine Vorstellung habe, wie ich diesem inneren Gefühl von Verletztsein und der Traurigkeit so begegnen könnte, dass ich mir damit selbstliebend begegnen würde. Ich weiß es ganz einfach nicht.

Früher wurde mir dann erlaubt, fernzusehen, etwas zu kaufen oder was Süßes zu essen (wenn es nicht einer der Tage war, an denen Gefühle unerwünscht waren und mir dringend geraten wurde, nicht so empfindlich zu sein)- und eine dieser Varianten wähle ich auch jetzt noch immer.

Obwohl ich weiß, dass es mir besser gehen würde, wenn ich ein wenig Bewegung umsetzen würde oder meditieren würde oder mich, was doch aber schon ein sehr großer Schritt wäre, mit diesen inneren Kämpfen tatsächlich auseinander setzen würde.

Ich weiß nicht, woher diese innere Stimme kommt, die so vehement verhindert, mir etwas positives Gutes zu tun. 

Und irgendwie bin ich mal wieder so müde ob all dieser Trauer und auch all der Tränen, die ich nicht weinen kann, weil ich das weinen abtrainiert habe. 

Ich würde gerne mal eine dauerhafte helle Phase erleben, nicht nur so kurze Zeiten, wobei immerhin die zurückliegende kurze Zeit sehr viel länger war als alle bisherigen.  

Wochenbilanz

  
Ungeheuer anstrengend war diese Woche. Die Kombination aus Urlaubsvertretung, nicht wirklich stabiler Gesundheitslage meinerseits so mitten in einer Medikamentenumstellung und wohl auch dadurch bedingtem extrem schlechtem Schlaf haben gerade nicht mehr wirklich Energie oder Kraft zurückgelassen.

Nachdem nun allgemein am Arbeitsplatz bekannt ist, dass ich gehe, habe ich sehr viele wirklich liebe Rückmeldungen bekommen. Immer noch seltsam, dass ich mich soviel besser mit den Schwestern als den ärztlichen Kollegen verstehe, aber umso schöner, dass ich in deren Augen wohl recht gute Arbeit geleistet habe. Viel Warmherzigkeit und Freundlichkeit habe ich von dort erfahren. Dankbar bin ich auch für das ehrliche Bedauern der Patienten über meinen Weggang, auch wenn sich das zunächst seltsam anhört. Aber mir zeigt es, dass ich auf dieser persönlichen Ebene, die für mich die tatsächlich relevante Ebene meiner Tätigkeit betrifft, wohl meistens wirklich vermitteln kann, dass ich mich bemühe, den Einzelnen als Menschen zu sehen und seine Bedürfnisse wahrzunehmen. Es fällt mir nicht so sehr leicht, das überhaupt aufzuschreiben, weil immer die Sorge mitschwingt, es könnte arrogant oder selbstverliebt klingen. Aber ich glaube, es ist ganz gut, wenn ich hin un wieder mich meiner selbst versichern kann, dass ich trotz vieler Dinge, die ich halt einfach nicht oder nicht weiß, immerhin ein Gefühl des Angenommenwerdens an den einzelnen Patienten vermitteln kann. Dann wird es auch zunehmend zweitrangiger, was oder wie ein Chef, der keinerlei Kontakt mehr zur Basis hat, denkt oder an leeren Phrasen von sich gibt.

Überhaupt war heute ein Tag, der mir nochmal deutlich gemacht hat, dass es richtig war, nicht dort auszuharren und zu warten, dass doch alles irgendwie gut werden würde. Die Stimmung wird immer schlechter, angespannter und die Arbeitsbelastung wird enorm steigen. 

Insgesamt war es auf ganz vielen zwischenmenschlichen Ebenen eine gute Woche. Auf meiner persönlichen Leistungsebene in Bezug auf die Belastbarkeit eher weniger und gerade heute ist es mal wieder etwas schwerer zu ertragen, wie sehr mich vieles anstrengt. Gelassenheit scheint mal wieder vonnöten.

Sonntage. In Sicherheit. Voll unverdientem Glück.

Ich mag Sonntage. Das Gefühl, die Stunden ein wenig dahin gleiten zu lassen, alles erledigt zu haben, was der Erledigung harrte. 

Ich mag es, zuhause zu sein, in meinen eigenen vier Wänden. Umgeben von Dingen, die ich mag und die mir gefallen.

Ich mag es, im Wald spazieren zu gehen, in dem außer den Vögeln nichts zu hören ist.

Ich mag es, im Garten zu sitzen, die Ruhe zu genießen, die mich umgibt, meinen Hund zu beobachten, der friedlich in der Sonne liegt.

   
   
All das kann ich nur mögen, weil ich in Sicherheit leben darf. Weil ich das völlig unverdiente und rein zufällige Glück habe, in einem Land geboren zu sein, in dem in meiner Lebensspanne kein Krieg herrscht und in dem so unglaublich komfortable Lebensbedingungen herrschen. Nichts davon ist mein Verdienst oder meine Leistung, ich hatte einfach nur Glück, dass mein Leben eben hier begann und weiter gelebt wurde. Viel zu selten mache ich mir das bewusst, viel zu oft komt der Gedanke, was ich gerne noch hätte oder mir wünschen würde, was mir anscheinend an Konsumgütern noch fehlt oder wie nervend mal wieder die Arbeit war. 

Dann lese ich die Berichte über Refugees aus den verschiedensten Ländern, ich lese von Menschen, die ihnen helfen und dann lese ich die so unfassbar erscheinenden Berichte von Menschen, die den Refugees das kleinste Minimum an Menschenwürde- denn schockierenderweise ist es an manchen Orten nicht mehr und manchmal nicht einmal das, was sie in Deutschland erwartet- absprechen. Ich begreife nicht, wie man, wenn man sich auch nur für ein paar Minuten überlegen kann, wie es sich wohl anfühlt, von Bomben umgeben zu sein oder von Terrorgruppen bedroht zu sein, keine Nahrung, kein Wasser, keinerlei medizinische Versorgung zu haben, noch so etwas wie Neid oder Missgunst empfinden kann. Diesen kurzen Gedankenschritt kann doch jeder denkende Mensch vollziehen, Bilder stellt das Internet zur Verdeutlichung auch mehr als genug zur Verfügung- wie also kann man da nicht aus ganzem Herzen nachvollziehen, dass Menschen aus diesen grauenvollen Bedingungen fliehen? Und dass Deutschland eines der Länder ist, das bisher zumindest aus der Ferne nach Sicherheit und Frieden klang? Ich war nie in einem Kriegsgebiet, ich kann mich also nur in meiner Fantasie in diese Situation hinein versetzen, aber schon allein nur die Vorstellung davon fühlt sich so ungeheuer bedrohlich und beängstigend an, dass ich aus tiefstem Herzen verstehen kann, warum Menschen die Gefahr der Überfahrt über das Mittelmeer auf sich nehmen, um dem zu entkommen. Und wenn Menschen aus Gebieten zu uns kommen, in denen kein Krieg herrscht, in denen aber die Lebensbedingungen deutlich schlechter sind- ja, warum sollten sie das denn nicht tun oder nicht tun dürfen? Woher sollte ich denn die Anmaßung nehmen, dass solche guten Lebensbedingungen nur mir zustehen, wo ich doch einfach nur Glück hatte mit meinem Leben? 

Ich verstehe es einfach nicht. Es macht mich so unglaublich traurig, dass Hass, Missgunst und Gewalt genau in dieser Situation aufblühen, in der es umso wichtiger wäre, von all dem Überfluss, in dem wir leben, abzugeben. 

Es wäre doch für alle ein soviel besseres, würdigeres Leben, wenn jeder in Frieden leben könnte, statt seine Lebensenergie entweder verbrauchen zu müssen, um auf der Flucht zu überleben oder verbrauchen zu wollen, um sie in Hass zu verwandeln.

Naiv, ich weiß. Und trotzdem würde ich es mir wünschen für diese Welt. Vielleicht schaffe ich wenigstens für mich diese kleinen Schritte der Dankbarkeit für mein unverdientes Glück. Und finde einen Weg, etwas davon zu teilen.

Samstagsgedanken

Seltsam, wie sich heute die trüben Gedanken in den Vordergrund schieben.

Ich bin mir nicht einmal sicher, ob die Überforderung, die beim Gedanken an die nächsten beiden Wochen am Arbeitsplatz in mir hochkriecht oder die Angst vor der neuen Stelle, die mit allerlei unbekannten Inhalten verbunden sein wird, wirklich echte Gefühle sind. Oder ob es nur ein Streich meiner Psyche ist, die ob der verschiedenen Medikamente, die mir meine chronische Krankheit so beschert, einfach auch einmal mitmischen möchte. 

Jedenfalls ist es wenig förderlich, am Wochenende arbeiten zu müssen und sich gleichzeitig so zu fühlen, als könnte man jede Sekunde in Tränen ausbrechen. Keine gute Kombination. Obendrein noch zu bemerken, wie ich immer weniger motiviert bin, noch irgendjemanden zufrieden zu stellen- nicht einmal mehr mich selbst. 

Es wird wieder besser werden, das ist mir bewusst, aber das Aushalten der ständigen Erschöpfung, der Überforderung und der Müdigkeit helfen nicht gerade dabei, optimistisch zu sein.

Vielleicht genügt es aber auch schon, nicht pessimistisch zu sein.

Friday Flowerday 

Zum ersten Mal an einem Freitag ganz bewusst einen Blumenstrauß- oder vielmehr ein Sträußchen- im Garten zusammen gesucht. Dabei in erheblichen Konflikt mit meinem Perfektionismus geraten, der zum einen im Garten keine der natürlich geschaffenen Schönheiten „zerstören“ will und deshalb nur ganz wenig kleine Blumenzweige mitnahm. Und der zum anderen dann mit der Qualität der Fotos und des Hintergrunds so überhaupt nicht zufrieden ist. 

Aber trotzdem oder vielleicht gerade deswegen schlucke ich all die perfektionistischen Gedanken hinunter. Möge ein ganz klein wenig mehr Leichtigkeit in mein Leben und meine Handlungen einkehren. Schließlich sind solche Kleinigkeiten zum Genießen da. 

 Aus der Vogelperspektive wirkt so ein Strauß viel raumfüllender…

Auch, wenn ich nicht mehr weiß, wie diese Vase mit einem niederländischen Motiv zu mir gefunden hat, mag ich sie sehr gerne- zwar war ich noch nie in den Niederlanden, aber irgendwie vermittelt sie mir ein Urlaubsgefühl…

Erste Herbstäpfel, zu früh vom Baum gefallen und doch so hübsch anzusehen…

Dahlien sollte es viel mehr in meinem Garten geben, sie sind so lebensfroh in ihrer Farbfülle…

Diese kleinen gefüllten Rosen wirken manchmal wie von einem Zuckerbäcker geformt, so hübsch anzusehen, dass ich es nur bei einer über mich brachte, sie abzuschneiden für die Vase…

Die Schwere der hängenden Fuchsienblüten erinnert mich an die Schwere der letzten Tage, kaum aber schien heute die Sonne, schien auch innerlich wieder mehr Leichtigkeit einzuziehen…

Friday Flowerday #33/15
  

Donnerstagsgedanken

  
…Wie seltsam traurig es ist, zu wissen, dass es in der Familie einen neuen Erdenbürger gibt. Zu dem ich aber kaum Kontakt haben werden, wegen Diskrepanzen, die sich scheinbar nicht überwinden lassen. Noch trauriger als das scheint mir aber fast meine innere Abwehr zu sein, die schon den Versuch, etwas an diesen Diskrepanzen von meiner Seite aus zu ändern, unterbindet. Bin ich ein seltsamer, kaputter Mensch, wenn ich mich innerlich nicht bereit fühle, mit Menschen, die einen Gutteil Gene mit mir gemeinsam haben, irgendwie auszukommen? Statt dieser Bereitschaft, die meinem Gefühl nach viele andere Menschen ganz selbstverständlich verspüren, bemerke ich nur die Überforderung, die innere Ablehnung und das Bedürfnis, mich abzuschotten, wenn ich darüber nachdenke, wie es wäre, wieder Anteil am Leben dieser Verwandten zu nehmen. Sie sind mir so fremd und wühlen so viel in mir auf, dass es mir die Kraft nicht wert scheint, da eine gemeinsame Basis zu erkämpfen. 

…Wie bitter fühlt sich die Enttäuschung an, dass in einem anderen zwischenmenschlichen Bereich, der Arbeit, mein Versuch, mich zu integrieren und engere Kontakte aufzubauen, weitestgehend gescheitert ist. Mir ist meine Andersartigkeit durchaus bewusst- bin ich doch diejenige, die immer ihr eigenes Essen mitbringt, die nicht verzweifelt auf der Suche nach einem Mann und damit verbunden gedanklich im Familienplanungsmodus ist, die nicht mittrinkt, wenn alle sich etwas schöntrinken, die sich schwer tut, über so manche unhygienischen Zustände im Heim der verschiedenen Gastgeber hinwegzusehen. Es ist mir bewusst, ich weiß, dass ich nicht in die normalen Schemata passe. Ich weiß, dass ich zwar immer sehr freundlich bin und mit niemandem in eine konflikthafte Beziehung trete, aber dennoch nicht leicht als Freundin in ein bestehendes soziales Umfeld zu integrieren bin. Ich weiß, dass meine vielen krankheitsbedingten Ausfälle in den letzten Monaten den anderen viel an Mehrarbeit abverlangten. Ich weiß aber auch, dass ich mich dafür oft entschuldigt habe, dass ich erklärt habe, welche Erkrankung ich habe und warum ich immer wieder ausfalle und dass ich mich an vielen, vielen Tagen mit kaum vorhandener Kraft durch den Arbeitstag geschleppt habe. Waren Kollegen krank, habe ich immer wieder kurze Nachrichten geschrieben, nachgefragt, erkundigt, ob sie etwas bräuchten. Ich weiß nicht, an welchem Punkt ich etwas falsch gemacht habe, warum kaum jemand jemals bei mir nachgefragt hat, wenn ich krank war, sehr wohl aber nachfragen konnte, ob ich trotz Krankheit den ungeliebten Wochenenddienst übernehmen kann, für den ich eingetragen war. Vielleicht ist es auch zuviel verlangt, dass solche Nachrichten mit einem kurzen „gute Besserung“ oder „wie gehts dir“ verbunden werden könnten. Vielleicht ist das eben nicht üblich. Vielleicht bin aber doch ich so seltsam und andersartig, dass man eben nur mir solche Nachrichten schickt, ohne eine kleine Nachfrage, vielleicht gehen die anderen untereinander anders miteinander um. Vielleicht ist es meine eigene soziale Inkompetenz, die all das hervorruft- diese Unfähigkeit, in wirklich engen Kontakt zu anderen Menschen zu treten. Scheinbar bin ich in Kontakt, werde gemocht, aber hinter der Fassade scheine ich in irgendeiner Form immer zu anders zu sein, als dass ich als wirklich zugehörig aufgenommen werden würde.

…Wie schwer können all solche Gedanken sein, wie sehr können sie einem im Kopf herumschwirren und all das Denken beherrschen und die Leichtigkeit davontragen. 

Absurd, dass gerade die zwischenmenschlichen Themen soviel Raum einnehmen in meinem Denken, wo ich doch den zwischenmenschlichen Kontakt als solches kaum vermisse und nicht herbei sehne. Wie angenehm ist es doch, einfach nur alleine und in Ruhe den Tag zu verbringen. Und dennoch schleichen sich an regenschwangeren Tagen wie heute dann die dunklen Gedanken aus dem Hinterhalt nach vorne und möchten die Macht übernehmen.