Anders Sein

Es war mir immer unterschwellig bewusst, dass ich in vielen Dingen nicht der Norm entspreche. Ich glaube, schon im Kindergarten wurde mir klar, dass ich in zu vielen Punkten anders bin, anders erzogen wurde, in einem anderen Umfeld groß wurde.

Nicht nur in äußeren Aspekten, sondern vor allem auch im inneren Wahrnehmen habe ich mich den anderen Menschen nicht wirklich zugehörig gefühlt. Ich habe zwar immer gesucht nach einer Person, die mich in allen Dingen verstehen kann, bei der ich mich sicher und verstanden fühle, aber jedesmal wieder gab es dann diese Risse in der Fassade, durch die ich wahrnehmen konnte, dass man mich nicht verstand.

In letzter Zeit war ich wieder so sehr auf der Suche nach einem Menschen, der mich wirklich ganz und gar versteht und gab mich der Illusion hin, wieder einmal so einen Menschen gefunden zu haben. Aber natürlich war es eine Illusion. Kein Mensch kann einen anderen Menschen wirklich in allen Aspekten verstehen, ihm in jedem Gedankengang folgen. Und so schön die Zeit mit einem Menschen ist, mit dem man sich in vielen Punkten versteht und so sehr manchmal die Sehnsucht danach ist, es möge immer so bleiben, so unrealistisch ist es, anzunehmen, es bliebe so.

Früher bin ich bei dieser Erkenntnis dann jeweils in einen Abwertungsmodus gerutscht, in dem ich den anderen Menschen, der meinen Wunsch nach Ganzheit enttäuscht hat, innerlich niedergemacht habe und mich abgewendet habe.

In dieses unreflektierte Verhalten möchte ich nicht mehr zurückfallen- wenn es auch tatsächlich eine Herausforderung ist. Aber ein Mensch kann mir in vielen Dingen wertvolle Impulse geben, ohne dass ich mit demjenigen in allem übereinstimmen muss.

Das ist ein Übungsweg, auf den ich mich da begebe, aber ich hoffe, es gelingt mir immer leichter, je länger ich diesen Weg gehe.

Verrückte Ideen

Als rationaler Mensch, der mehr als die Hälfte seines Lebens damit verbringt, Emotionen zu verdrängen und möglichst wenig an sich heranzulassen, bin ich überfordert mit der Menge an Gefühlen, die mich langsam, aber sicher erreicht.

Ich weiß zwar, warum all diese Emotionen jetzt auftauchen, warum meine Verdrängungsmechanismen jetzt nicht mehr so greifen wie früher, aber es überfordert mich von Zeit zu Zeit.

Wenn dann zu all den schmerzhaften emotionalen Erkenntnissen auch noch wirklich absurde Ideen dazu kommen, dann bin ich restlos überfordert. Zumal das wirklich verrückte daran ist, dass ich mir wirklich wünschen würde, sie könnten wahr werden. Bei einer Wahrscheinlichkeit, die so gering ist, dass man schon gar nicht mehr von einer Wahrscheinlichkeit sprechen kann.

So kenne ich mich nicht und ich bin mir nicht sicher, ob ich mich so sympathisch finde. Das muss ich erst noch herausfinden. Solange versuche ich, diese verrückten Ideen zu verdrängen. Hoffentlich gelingt mir das, sonst ist es schlecht um meine Unbefangenheit bestellt.

Innerlich wachsen

Vielleicht hilft es mir, meine Gedanken hin und wieder hier in Worte zu fassen, anstatt sie nur still in mir zu tragen.

Es ist spannend, sich weiter zu entwickeln.

Es ist aufregend, zu erkennen, dass man mehr Stärke in sich trägt, als man erwartet hätte.

Es ist wohltuend, zu entdecken, dass die Welt nicht so dunkel ist, wie man vermutete.

 

Aber es ist anstrengend, ermüdend, es macht traurig und hilflos, immer mehr zu verstehen, wie viel man vermissen musste, ein Leben lang. Wie sehr die innere Wahrnehmung und das äußere Bild auseinander driften.

Es verwirrt mich so sehr, zu begreifen, mit welchen Folgereaktionen ich lebe, wie sehr mein Leben belastet und eingeschränkt ist durch Erlebnisse meiner Kindheit und gleichzeitig zu hören, dass doch alles gut gewesen sei, wie sehr sich meine Eltern bemüht hätten und dass sie mich ja lieben würden. Nur ich würde sie nicht lieben.

Es fühlt sich an, als würde sich ein Karussell in meinem Kopf drehen, ohne Anfang und Ende, ohne erkennen zu können, was Wahrheit, was Einbildung, was Lüge ist. Ich misstraue meiner eigenen Wahrnehmung schon immer so sehr, dass ich auch jetzt kaum hinsehen kann, wenn ich erkennen müsste, dass mein Gefühl, vieles wäre nicht richtig gelaufen, das eigentlich passende Gefühl ist.

Vielleicht existieren alle Wahrheiten nebeneinander, vielleicht gibt es keine wahre Vergangenheit, vielleicht ist alles nur Projektion.

Vielleicht lasse ich mich zu sehr von einem Menschen beeinflussen, der seine eigene Elternbeziehung nicht bereinigen kann. Vielleicht gerate ich von einer Abhängigkeit in die andere.

Vielleicht aber habe ich auch einfach nur viel zu große Angst vor dem unendlichen Schmerz, der hinter der Erkenntnis lauert, dass ich weder gewollt war, noch um meiner Selbst willen geliebt wurde, noch jemals wirklich vor den schlimmen Dingen des Lebens beschützt wurde. Vielleicht ist das die Erkenntnis, die auf mich wartet, wenn ich seine Worte wirklich an mich heran lasse.

Angst, verbunden mit dem Gefühl, trotzdem auf dem richtigen Weg zu sein. Wenn auch verwirrt und momentan im Nebel ohne klare Sicht.