Unglaublich. Befreiend.

Vielleicht bin ich einfach vollkommen verrückt geworden.

Vielleicht aber habe ich heute in voller Intensität und mit vollem Bewusstsein begriffen, dass meine Mutter in ihrer absoluten Egozentrik gefangen ist und immer gefangen bleiben wird. Ohne die Chance, da irgendwie an sie heran zu kommen.

Und ich fühle mich befreit. Richtig befreit. Ich lief danach über die Felder im Sturm und sah einen Regenbogen in der Ferne- und fühlte mich so frei und unbeschwert, wie ich nicht wusste, dass ich solche Gefühle fühlen kann.

Heute stellten sie mich zur Rede. Nachdem ich das Wochenende über und den heutigen Tag in fast panischer Angst verbracht hatte, die mich selbst erschreckte, hat mich der Lieblingskollege (dessen letzter Tag natürlich ausgerechnet heute war…) heute in so wunderbarer Art und Weise aufgefangen (einschließlich einer Selbstverteidigungstechnik, weil, so seltsam es klingen mag angesichts des heutigen Gesprächsverlaufs, ich hatte tatsächlich Angst vor Handgreiflichkeiten).

So bin ich tatsächlich innerlich ruhig, ohne Angst in dieses Gespräch gegangen. Überließ ihnen die Gesprächsführung. Als ich zu Beginn etwas über meine Gefühlslage sagen wollte, um zu erläutern, warum ich mir eine eigene Wohnung nehme, wurde mir über den Mund gefahren, mit dem Hinweis, dass ich schon wieder nur von mir sprechen würde und nur an mich denken würde.

Also sagte ich erstmal nichts mehr und ließ sie reden. Über ihre Enttäuschung, alles, was sie für mich getan hätten, dass sie all die Jahre nur für mich gelebt hätten und alles für mich erledigt hätten (schlimm genug, wie unendlich abhängig mich meine Angst und Panik gemacht hatte) und dass ich sie jetzt, wo sie alt seien, im Stich lassen würde. Sie wüssten nicht, wie es weitergehen solle, sie seien so einsam und würden nicht alleine in dem großen Haus sitzen. Warum ich nicht, wie alle anderen Menschen und sie selbst früher, regelmäßig etwas mit ihnen unternehmen würde, warum ich nur mit Freunden etwas unternehmen würde, nie aber mit ihnen. Ich würde sie zu bösen Menschen abstempeln und hätte sie fallen gelassen, weil andere Menschen mir das einreden würden. All das sagte meine Mutter. 

Mein Vater warf ein paar kleine Vorwürfe ein, hielt sich aber insgesamt zurück. Als ich kaum etwas antwortete (jedes Argument schien nur zu weiteren Vorwürfen zu führen), kam das Gespräch zum Erliegen. Sie warf mir dann vor, dass ich mich nicht äußern würde. Ich sagte, dass es ja zu Beginn des Gesprächs nicht erwünscht war, dass ich von meinen Emotionen spreche- was meine Mutter sofort dementierte, aber eine 10 Minuten zurückliegende Aussage kann ich mir durchaus noch merken- wagte ich als Test sozusagen einen kleinen Schritt in Richtung Offenheit, Stichwort Ich- Botschaften. Und dann wurde mir klar, dass ich nichts mehr erwarten kann. Ich erzählte, dass sie mit ihrer Wahrnehmung, dass ich mich z.B. im Garten kaum an etwas erfreuen würde, Recht hatte. Dass ich tatsächlich schon lange kaum mehr Freude an irgendwas wahrnehme und davon ausgehe, dass ich schon lange von depressiver Grundstimmung war. Mein Vater fragte, und das wirkte wirklich interessiert- fürsorglich, nach, seit wann dem so sei und als ich erzählte, dass ich schon mit 11/12 Jahren aufgeschrieben hätte, dass ich keine Lebensfreude mehr verspüre, fragte er nach, worauf ich das zurückführe. Eine ansatzweise Erklärung bügelte er zwar sofort mit Gegenargumenten nieder, aber immerhin. 

Was aber tatsächlich jetzt meine innere Distanzierung ermöglichte, war die Reaktion meiner Mutter. Keinerlei Mitfühlen- immerhin sagte ich ihr eben, dass ich mehr als die Hälfte meines Lebens kaum Lebensfreude verspürt habe und mir das jetzt bewusst geworden sei- sondern Vorwürfe. Dass ich jetzt so tue, als würde ich eine Krise durchmachen. Das stimme ja nicht, mir gehe es ja gut, sie würde das ja sonst merken. Und überhaupt, mit den Kollegen sei ich sehr wohl gut gelaunt und könne gute Zeit mit ihnen verbringen, nur mit meinen eigenen Eltern wolle ich keine Zeit verbringen und behandle sie wie böse Menschen. Das würden mir nur die anderen einreden, aber dann sei es eben so und dann würden wir eben alle nicht mehr leben wollen. Schön verpackte Suizidandrohung. Ich würde überhaupt nicht sehen, was ich ihnen damit antue, wie sehr sie leiden würden. 

Dabei hatten beide tatsächlich auch nasse Augen- aber, es berührte mich nicht. Da ist etwas in mir abgestorben, als ich diese völlige Abwesenheit von Empathie bei meiner Mutter spürte. Diese totale Ignoranz, dass ich ein fühlender Mensch bin, der über Jahre still gelitten hat an ihrer Seite. Natürlich kann ich nicht erwarten, dass sie völlig aus ihrer Kränkung herauskommt, dass es jetzt andere Menschen in meinem Leben gibt, aber diese totale Ignoranz verbunden mit der permanenten Betonung, wie sehr sie leiden würde, das war schon sehr eindrücklich.

Und ich wartete ein Leben lang auf Liebe von ihr… Dachte immer, wenn ich mich nur korrekt genug verhalte, würde ich irgendwann erfahren, was geliebt werden bedeutet.

Dieser Traum ist heute ganz endgültig und eindeutig geplatzt. Neben dieser erschreckenden Erkenntnis erschreckt mich auch, wie unberührt auch ich bin von diesem auf dem Silbertablett servierten Leid- was sofort meinen inneren Kritiker auf den Plan ruft, der dahinter eindeutig vermutet, dass ich ein schlechter Mensch bin. So langsam ringe ich mich aber zu der Erkenntnis des Lieblingskollegen durch, dass da so viel innerlich kaputt gegangen ist durch meine Eltern, dass ich nicht anders kann. 

Und es war heute auch der Tag, an dem ich von zwei Seiten das Angebot erhielt, zu jeder Tages- und Nachtzeit mit meinem Hund zu kommen, wenn ich eine Unterkunft bräuchte. Und der Tag, an dem ich hörte, dass ich wirklich liebenswert sei und das von einem Menschen, von dem das ganz besonders viel zu bedeuten hat. 

Noch sind keine Emotionen da, keine Trauer, keine Wut, nur ein Gefühl von Freiheit. Wirklicher Freiheit. 

Vielleicht gibt es auch für so etwas wie Leben.

 

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Angst

Je mehr ich offen darüber spreche, wie ich meine Vergangenheit erlebt habe- und noch ist es immer nur eine ansatzweise Offenheit, mehr halte ich noch nicht aus- umso mehr gräbt sich die Angst ein.

Angst, meinen Eltern unrecht zu tun. Ihre Leistungen und das, was sie mir Gutes haben tun wollen und ja auch getan haben im Rahmen ihrer Möglichkeiten, auszublenden. 

Angst, zu übertreiben, wenn ich mein Empfinden damals und jetzt schildere. So schlimm kann es doch alles gar nicht sein, immerhin habe ich es zu etwas gebracht im Leben. (Wobei mir kürzlich jemand sagte, dass das ja noch nicht erwiesen sein, ich sei nur momentan stabil. Das machte mir noch mehr Angst.)

Angst, all die pathologischen Persönlichkeitsanteile von meinen Eltern übernommen zu haben und selbst nicht in der Lage zu sein, sie zu sehen und mich anders zu verhalten.

Angst, dass die Entscheidung, mir ein selbstständigeres, unabhängiges Leben einzurichten, falsch ist, mich überfordert oder dass ich daran scheitern werde.

Angst, dass all das, was mein Leben darstellte, nur Schauspiel war, dass es vielleicht wirklich grauenvoll war für das Kind, das ich war. 

Angst, dass ich einen riesigen Fehler mache, wenn ich beim Blick auf meine Vergangenheit nur sehen kann, was alles nicht funktionierte. 

Angst, dass ich an diesem Leben verzweifeln werde.

 

Momentan kann ich diese Angst erstmal nur sehen, mehr schaffe ich noch nicht.

Das Schweigen in Worte fassen

Als ich kürzlich in einer Fortbildung saß, die sich u.a. mit Entwicklungspsychologie befasste, wurde mir mit mehr Wucht als bisher jemals bewusst, dass meine Eltern als Eltern wirklich versagt haben und unendlich viel Schaden an meiner Seele angerichtet haben.

Früher erschien es mir normal, so wie ich lebte. Als Sechsjährige schon versucht, mich aufzulösen, indem ich aufhörte zu atmen. Mit 4 oder 5 Jahren gelernt, dass immer zuerst die Bedürfnisse meiner Mutter gestillt werden müssen- sei es, wenn wir Durst oder Hunger hatten, nach Hause kamen und es im Flur warm war, sodass man sich gerne ausziehen wollte, sei es, wenn mehrere von uns krank waren, ganz normale Alltagssituationen: Es war immer klar, dass zuerst das Bedürfnis meiner Mutter gestillt werden musste, nie das der Kinder als erstes. Irgendwann hatte ich sie mal darauf angesprochen, da sagte sie, dass es doch wichtiger wäre, dass sie gut für sich selber sorgt, sonst könnte sie ja nicht für uns da sein. Natürlich ist es wichtig, dass eine Mutter sich nicht aufgibt, aber einem Kind permanent das Gefühl zu vermitteln, dass es eine Last ist, dass es nervt, dass seine Bedürfnisse deutlich weniger wichtig sind als die der Erwachsenen, gehört nicht dazu.

Meine Mutter war das Kind in der Familie, wenn ich Beschreibungen über Affektregulation lese, ist sie ungefähr auf dem Stand einer vier- oder fünfjährigen: Ihre Bedürfnisse müssen sofort erfüllt werden, ihre Weltsicht ist die einzig mögliche und richtige, jeder, der nicht bedingungslos für sie ist, ist gegen sie. Da sie sich als Erwachsene nicht heulend auf den Boden werfen kann, wenn diese Bedingungen nicht erfüllt werden, manipuliert sie emotional. Ich war schon ganz früh darauf geeicht aus Nuancen ihrer Stimmlage und ihres Gesichtsausdrucks herauszulesen, und sofort zu reagieren, um noch größere Verstimmungen zu vermeiden. Verstimmt bedeutete, dass sie schwieg, krank wurde, sich leidend zurück zog und darauf wartete, dass ich mich dann um sie kümmerte. Die ersten Jahre meines Lebens war sie fast ständig krank und ich wusste sehr bald, dass ihr Schmerzen daher kamen, dass meine Geburt so schwer war und deswegen alle Beteiligten sich auf sie gelegt hätten, weswegen sie jetzt immer Schmerzen hatte. Da sie mich eigentlich auch überhaupt nicht hatte haben wollen- abzutreiben traute sie sich nicht und alle Versuche, mittels übermäßiger körperlicher Aktivität (besonders schönes Bonmot: Mir wurde schon früh der Berg gezeigt, den sie in der Hoffnung erklomm, mich loszuwerden) oder riskanter Diagnostik dieses Kind wieder loszuwerden, misslangen. Was sie mir später damit erklärte, dass ich so hartnäckig sei und mich festgeklammert hätte. Ein Kind reagiert mit Schuldgefühlen und dem permanenten Gefühl, etwas wieder gut machen zu müssen, auf solche Informationen. Wenn ich schon an ihren Schmerzen schuld war, durfte ich ihr nicht auch noch als böses Kind Probleme machen. Ich wusste nie, wie sie fünf Minuten später gelaunt sein würde- ihre Stimmung wechselte fast minütlich. Eine Handlung, die am Vortag noch gelobt wurde, konnte am Folgetag eine Strafpredigt, an den Ohren oder an den Haaren ziehen zur Folge haben. Und natürlich den vielgübten Liebesentzug. Wie oft hörte ich auch den Satz „wenn du mich lieb hast, dann…“ Schon als kleines Kind hatte ich immer so einen verschwommenen Wunsch danach, einmal bedingungslos geliebt zu werden- so richtig wusste ich nicht, was das bedeutete, aber die Vorstellung, nichts tun zu müssen, um eine Daseinsberechtigung zu haben und egal, was ich tun würde, immer wieder angenommen zu werden, die gefiel mir gut. Da ich das in der Realität nicht haben konnte, erschuf ich mir eine Phantasiefamilie mit guten Eltern, immer hatte ich eine imaginäre Zwillingsschwester an meiner Seite. Und wenn mir wie so oft die Tränen in den Augen standen- im Sommer leichter zu ertragen, weil ich immer eine Sonnenbrille tragen musste- stellte ich mir vor, wie sie mich an die Hand nahm und tröstete.

Mein Vater ist ein narzisstisch geprägter Mensch, der gerne damit angibt, sich selbst der wichtigste Mensch zu sein, immer die richtige Meinung und Lösung zu haben und auf Kritik mit lauter Stimme und Aggressivität reagiert. Ich bin lange weggeduckt vor seiner Hand. Er beharrt darauf, dass Kinder keinen eigenen Willen haben dürfen und man mit körperlicher Gewalt durchgreifen muss, wenn die Kinder nicht folgen. Sie würden dann nämlich spinnen. 

In der Bindungstheorie werden verschiedene Bindungstypen bei Kindern unterschieden, je nachdem wie sie reagieren, wenn die Mutter oder die primäre Bezugsperson den Raum verlässt. Eine sichere Bindung würde sich so äußern, dass das Kind, wenn die Mutter geht, weint und sich trösten lässt, wenn sie wieder kommt. Wenn ich als Kind irgendwo alleine gelassen wurde, bin ich erstarrt, habe mich so unauffällig wie möglich verhalten und hätte nie vor anderen Menschen geweint. Ich hätte mich aber auch nicht an andere Menschen gewandt, weiter gespielt oder die Umgebung untersucht. Ich wäre einfach still und möglichst unauffällig geblieben, wenn mir die Situation zu bedrohlich geworden wäre, wäre ich so unauffällig wie nur irgendwie möglich irgendwo anders hin gegangen. Am ehesten könnte man dieses Bindungsverhalten als desorganisiert/desorientiert bezeichnen. Zum einen erwartet das Kind nichts mehr von meiner Bezugsperson, es hat resigniert, zum anderen ist die Bezugsperson der Auslöser des Bedrohungsgefühls. Dadurch befindet das Kind sich ständig in Anspannung, Unsicherheit und Ungewissheit über das, was als nächstes geschehen wird. 

Meine Eltern stritten sich unendlich oft und mir war sehr bewusst, dass ich daran schuld war, dass sie überhaupt hatten heiraten müssen. Also war ich auch an jedem Streit und damit am Unglück meiner Eltern schuld. Wenn aber einer der beiden „ein Hühnchen zu rupfen hatte“ mit mir, wie sie es nannten, dann waren sie sofort einer Meinung. Gegen ein Kind standen sie immer zusammen und man konnte nie erwarten, dass der eine einen gegen die Ungerechtigkeit des anderen geschützt hätte. Zwar jammerten oder schimpften beide, wenn der andere nicht dabei war, mir gegenüber über denjenigen, sodass ich immer in einem Zwiespalt war, aber für mich eingetreten wäre keiner. 

Ich durfte nicht Nein sagen als Kind, durfte keine eigene Meinung vertreten. Weder eine Trotzphase noch Pubertät wurde mir gestattet- ich hatte gesehen, wie meine Geschwister verprügelt und durchs Haus gejagt wurden und schließlich rausgeworfen wurden und tat alles, um zu vermeiden, in die gleiche Lage zu kommen. Ins Gesicht geschlagen, als ich es wagte, meinen Hund vor Gewalt zu schützen, wurde ich trotzdem. Noch heute weiß ich kaum, wie sich Wut anfühlt, Aggressionen kenne ich nur gegen mich selbst gerichtet. Noch heute kann ich mich kaum zur Wehr setzen, wenn Menschen über mich bestimmen und meine Interessen missachten.

In einem Tagebuch, das ich sporadisch führte, habe ich mit 12 geschrieben, dass ich mir wünsche, die Freude am Leben wieder zu finden. Damals erschien es mir so, als würde es eben allen Menschen, allen Kindern so gehen, dass sie unendlich viel Traurigkeit in sich spüren, Verzweiflung, Weinanfälle und Todeswünsche. Heute weiß ich, dass das nicht üblich und nicht die Norm ist. 

In einem Zuhause sollte sich ein Kind sicher fühlen können. Ohne Anspannung einfach nur spielen dürfen, einfach sein dürfen. Ein Kind sollte Freunde besuchen und zu Besuch haben können, ohne ständige Sorge, irgendeine der 1000 Regeln zu brechen, die gerade an diesem Tag galten und ohne das Gefühl, sicher am Ende nach einem schönen Tag eine gekränkte und leidende Mutter zu treffen, die nicht ertragen kann, dass ihr Kind sich woanders wohl fühlt. Ein Kind sollte, wenn es von Menschen außerhalb der Familie schlecht behandelt wird, das seinen Eltern mitteilen können und nicht aus Angst vor deren Misstrauen, deren Aggression, schweigen müssen und alles hinnehmen, was ihm angetan wird.

Es sollte nicht verantwortlich dafür sein, dass die Eltern in ihren Streits sich nicht gegenseitig umbringen würden (ich habe nie gesehen, dass sie beiden gegeneinander handgreiflich wurden, aber sie waren es gegenüber uns Kindern und Außenstehenden und so hatte ich oft Angst, wenn sie stritten, einer könnte den anderen umbringen), dass die kranke Mutter oder wahlweise der kranke Vater, den die Mutter nicht versorgte, weil sie überfordert oder wütend war, versorgt wird, dass Haushaltstätigkeiten erledigt werden, die ein Kind überfordern, weil die Eltern nicht da waren oder überfordert. Mit 10 habe ich Haushalt und Küche versorgt, während meine Eltern ein Haus bauten. Ja, immerhin konnte ich dann kochen.

Ganz langsam erst sehe ich die Folgen, mit denen ich seit so langer Zeit lebe. Ich kann mich nicht entspannen, abends momentan ohne medikamentöse Unterstützung nicht einschlafen, keine Nähe zulassen, die mich irgendwie in eine verletzliche Position bringen könnte, ich bestrafe mich fast täglich mit Hunger, um mir und der Welt zu beweisen, dass ich die Macht habe, dass ich mich auflösen kann, wenn ich zu sehr zu Last falle und dass meine Mutter mich nicht mästen kann, ich habe mich lange Jahre selbst verletzt, so, dass niemand es als SVV erkannte oder erkennen wollte. Am schlimmsten empfinde ich aber momentan die innere Abhängigkeit, in die meine Eltern mich getrieben haben, dass sie mir vermittelt haben, dass ich zwar eine ständige Last und Zumutung bin, aber mir nicht einbilden sollte, jemals ohne sie überleben zu können. 

Wenn ich heute versuche, meine Eltern auf meine Wahrnehmung der Vergangenheit anzusprechen, dann reagieren sie mit Vorwürfen, dass ich undankbar wäre für alles, was sie mir geboten haben auf materieller Ebene, dass ich nur das Schlechte sehen würde, dass es meine Pflicht sei, ihnen dankbar zu sein für das, was sie mir ermöglicht hätten, dass mir nur die anderen verrückten Menschen in meiner Umgebung diese Dinge einreden würden und schlussendlich wird mir klargemacht, dass meine Wahrnehmung damals einfach falsch war, dass sie weder gewalttätig noch stimmungsschwankend oder ständig streitend gewesen seien. Es liege an mir, ich sei eben nicht ganz normal in meiner Wahrnehmung und überdies ein kalter Mensch, dass ich so wenig Liebe für sie empfinden könne.

Es ist schwer, Außenstehenden zu erklären, wie unser Familiensystem funktionierte- als Kind konnte ich es nicht in Worte fassen und damit auch keine Hilfe erwarten und als Erwachsene noch immer nicht. Ein Mensch in meiner Umgebung hat eine ähnliche Kindheit erlebt und mir anhand seiner Geschichte ermöglicht, meine eigene Geschichte langsam wahrnehmen zu können. Er erträgt das sprachlose Grauen, das ich spüre, wenn ich mir bewusst mache, wie meine Kindheit war und er weiß, wovon ich spreche. Ohne diese Erfahrung könnte ich wahrscheinlich noch immer nicht hinschauen auf all diesen Schmerz, aber gleichzeitig schmerzt es um so mehr, dass gerade dieser Mensch sehr weit aus meinem Leben verschwinden wird. Da meldet sich wieder das kleine Kind in mir, dass sich als Last wahrnimmt und das nochmal, wie schon vor vielen Jahren, den „großen Bruder“ verliert, der es alleine lässt mit den manipulierenden und grausamen Eltern.

Aber als Erwachsene kann ich jetzt entscheiden, dass ich selbst für mich sorge, dass ich selbst für mich da bin und dass ich mir selbst einen Ort schaffe, an dem ich mich sicher und gut fühle. An dem ich keine Angst haben muss und zu dem meine Eltern keinen Zutritt haben werden. Und das wird mich nicht umbringen, sondern mir erst die Chance eröffnen, überhaupt das, was man Leben nennt, kennen zu lernen.

Wunschdenken und Realität

Jeder Tag bringt neue Erkenntnisse.

Erkenntnisse, die ich lieber niemals gehabt hätte. Die mir immer deutlicher machen, dass dieser besondere Mensch, der mir im letzten Jahr permanent die Augen geöffnet hat, furchtbarerweise die Wahrheit sagt, wenn die Worte emotionale Erpressung, Psychopathen oder Ausbeuter benutzt, um meine Eltern zu beschreiben. Die Erkenntnis, dass es wirklich furchtbar war, dass es wirklich so unglaublich wenig an positiven Erfahrungen gab, die kann ich kaum zulassen.

Zuerst waren es nur kleine Fakten, mit der inneren Erlaubnis, mehr zu erinnern und zu sehen im Jetzt, wurden es immer mehr, immer größere und schockierender Fakten.

Die Emotionen dazu sind noch wohlverpackt. Noch gibt es keinen sicheren Rahmen, in dem ich sie empfinden kann.  

Das Warten auf diesen Raum, im außen wie im innen, gelingt mir noch mit Gelassenheit. Es ist wie ein Leben in einer Zwischenwelt. Voller Erwartung, voller Hoffnung, voller Zuversicht. Ich hoffe so, dass das so bleibt. Ich brauche diesen persönlichen Raum so sehr. 

Auch wenn mir bewusst ist, dass die wirklich harte innere Arbeit erst beginnt- momentan macht es mich tatsächlich so ein bisschen glücklich, einfach die Einrichtung meines eigenen kleinen Reichs zu planen und mir vorzustellen, wie ich mich dort sicher fühlen werde.

Vielleicht ist das das, was immer so hochtrabend als das „gute Eltern für sich selbst sein“ beschrieben wird.