Überforderung. Alternativensuche.

In den letzten Wochen war ich so oft krank und infolgedessen nicht in der Arbeit wie noch nie, weder zu Schul- noch zu Unizeiten. Auch, wenn ich mir glücklicherweise whl kaum Sorgen machen muss um die Sicherheit meines Arbeitsplatzes, ist das doch etwas, was ich von mir nicht kenne und was auch überhaupt nicht zu mir passt. Mit meiner perfektionistischen Grundstruktur bin ich von dem Punkt, an dem ich sagen könnte- na, dann macht halt jemand anderes meinen Job und erledigt die Aufgaben- meilenweit entfernt. Mal ganz davon abgesehen, dass niemand anderes den Job erledigt- die Sachen bleiben einfach liegen, keiner fühlt sich verantwortlich, für die Menschen, für die ich sonst die Verantwortung habe, Verantwortung zu übernehmen. Bisher habe ich es ausgeglichen, habe soviel mehr von mir gegeben als ich habe, nur um jegliche Unzufriedenheit und mögliche Fallen zu vermeiden.

Jetzt habe ich aber sehr deutlich gemerkt, dass es nicht geht. Ich habe die Kraft nicht, diesen Job wirklich voll und ganz auszufüllen, wie es verständlicherweise vom Arbeitgeber verlangt wird und wie ich es von mir selbst verlange. Vor mir selbst kann ich auch gute Gründe anführen, warum es mich überfordert, warum ich nicht mehr kann- Depression, PTBS- Symptome, abhängige und co-abhängige Persönlichkeitszüge, anorektische Essensmuster, über Jahre hinweg Verantwortungsübernahme für eine egozentrische, narzisstische Mutter, die immer weiter versucht, mich emotional zu manipulieren und auszulaugen, ein anstrengender Ablösungsprozess, der sich in Wellen mal stärker mal schwächer zeigt, körperliche Schwäche infolge einer chronischen Gelenkserkrankung, die verhindert, dass ich die Dinge, die ich leisten müsste, in dem Tempo und alleine wirklich meistern kann.

Nur: Das alles sind Punkte, die ich wohl kaum gegenüber meinen Kollegen oder erst recht nicht gegenüber meinem obersten Chef vertreten kann. Denn dann wäre mein Job wahrscheinlich wirklich in Gefahr und sei es „nur“ durch Mobbing, weil ich Schwäche gezeigt hätte und damit Angriffsfläche geboten hätte.

Eine interne Umstrukturierung, die mein unmittelbarer Chef glücklicherweise unterstützt, wenn er auch mich vorgeschickt hatte, um es den anderen mitzuteilen, ist zwar angedacht. Funktioniert aber nur, wenn die Kollegin, die dadurch ein anspruchsvolleres Aufgabengebiet zugeteilt bekommt, damit zurecht kommt und nicht selbst dekompensiert. Wäre sie zugänglicher und empathischer, hätte ich ihr offen gesagt, dass es mir leid tut, dass sie nun in diese Position kommt, dass ich sehe, dass auch sie Schwierigkeiten hat. Leider kann ich es bei ihr nicht, sie fegt einen mit einem Wort in die Ecke und dagegen fühle ich mich momentan machtlos. Neben meinem schlechten Gewissen, wegen meiner eigenen Unfähigkeit andere in eine arbeitsintensivere Situation zu bringen, sehe ich aber auch, dass es für die Kollegin durchaus an der Zeit ist, mehr Verantwortung zu übernehmen. Trotzdem spüre ich sehr deutlich, dass ihr Berufsstand sich zunehmend gegen meinen Berufsstand wendet und dass das intern zu erheblichen Schwierigkeiten und einer schlechten Grundstimmung führen wird.

Weil es mir zum einen wirklich zuviel ist, 40 Stunden, mit Diensten locker auch mal über 60 Stunden pro Woche zu arbeiten und ich dadurch überhaupt keine freie Zeit mehr habe, um das, was gerade so essentiell für mich ist, nämlich Selbstfürsorge, aufzubauen, und zum anderen, weil die Kollegen sich dann nicht mehr so leicht beschweren können, dass ich als Vollzeitkraft so erleichterte Arbeitsbedingungen bekommen würde, überlege ich nun seit Tagen eine Arbeitszeitreduzierung. Grundsätzlich habe ich ein Anrecht darauf, begonnen habe ich auch mit weniger Stunden, aber finanziell stellt mich das vor eine große Herausforderung. Wenn ich meine persönliche Freiheit behalten möchte, die bedeutet, dass ich in meinen eigen  kleinen vier Wänden wohne und nicht wieder in einem Haus mit meinen Eltern, brauche ich einen gewissen Grundstock an Einkommen. Dazu kommt die monatliche Fixbelastung, die ich an meine Eltern zahle, um den Konflikt zu verhindern, der sich einstellen würde, würde ich mich weigern, dort weiterhin Miete und Nebenkosten zu zahlen. Aus jeder Außenperspektive klingt das schräg und abartig und das ist mir auch sehr bewusst, trotzdem habe ich nicht die Energie, mich diesem Konflikt zu stellen und diesen Kampf zu kämpfen, den es bedeuten würde, wenn ich ganz klar für meine eigenen Entscheidungen und meine eigenen Grenzen eintreten würde.

So muss ich also irgendwie einen Weg für mich finden, auf dem ich genug verdiene, um diese Belastungen zu stemmen und gleichzeitig deutlich mehr Zeit und Ruhe für mich selbst zu haben.

Der eine Mensch, dessen Meinung mir tatsächlich etwas bedeutet, weil sie nicht von Eigeninteressen geleitet ist, hat mir jedenfalls versichert, dass das nicht bedeute, dass ich faul sei und dass es zeige, dass ich endlich merke, was ich brauche, damit es mir besser gehe und damit ich zur Ruhe kommen könne. Das macht es mir leichter, meinem inneren Antreiber Grenzen zu setzen und ihm klar zu machen, dass es momentan keine Rolle spielt, wann ich welchen Titel erlange und dass es nicht relevant ist, wieviel Leistung ich in welcher Zeit bringe.

Im Moment des Sterbens werde ich kaum bereuen, keinen Titel zu haben, sondern nicht das Gefühl gehabt zu haben, meine eigene Form von Leben für mich gefunden und gelebt zu haben.

Dass das so schwer ist, diesen eigenen Weg zu finden und dann gegenüber den äußeren Bedingungen und Widrigkeiten auch vertreten zu können, macht die ganze Sache aber nicht gerade leicht.

Advertisements