Gedanken zur Abgrenzung

Eigentlich ist mir klar, dass es mir besser geht, wenn ich mich abgrenzen kann gegenüber meiner Familie.
Konkret bedeutet das für mich räumliche Abgrenzung, weil ich es andernfalls nicht schaffe, wirklich innerlich bei mir selbst zu bleiben. Sind wir in einem Haus, höre ich auf jede Nuance in der Stimme meiner Mutter, achte sehr genau darauf, wie sie klingt, was sie sagt, wie sich meinem Vater gegenüber verhält. Ich gehe zunehmend davon aus, dass vieles von dem, was mich innerlich leiden lässt, mehr durch meine Interpretation ihrer Handlungen und Äußerungen beruht als auf einer tatsächlichen Absicht ihrerseits, mich verletzen oder kränken zu wollen.
Aber das Kind in mir hört nur das unterschwellig Kritisierende, die vorwurfsvolle Grundhaltung heraus und fühlt sich jedesmal dadurch verletzt. Als würde eine eiskalte Hand das Herz in die Hand nehmen und keinen Freiraum mehr für einen eigenen Atem lassen.
Auch wenn ich versuche, mir bewusst zu sagen, dass es jetzt der verletzliche kindliche Anteil in mir ist, der sich in seiner Hoffnung auf Liebe und bedingungslose Akzeptanz verletzt fühlt, bleibt dieses Gefühl, selbst nichts mehr an der Situation ändern zu können oder irgendwie dafür sorgen zu können, dass es mir wieder besser geht.
Mit räumlichem Abstand fällt mir das also etwas leichter, da ich nicht so unmittelbar mit Stimmnuancen und Ablehnung konfrontiert bin. Trotzdem bin ich auch dann oft innerlich nicht wirklich bei mir selbst, mein Geist ist irgendwo mit Problemen, Ängsten und Befürchtungen beschäftigt. Auch, wenn ich das Konzept der Achtsamkeit schätze und spannend finde- es gelingt mir nicht. Innerlich muss ich immer aus der aktuellen Situation fliehen, um sie auszuhalten und kann höchst selten in ihr anwesend bleiben.
Selbst dann, wenn die entsprechende Situation an sich nichts beängstigendes, nichts fluchtimplizierendes an sich hat- vielleicht bin ich es einfach zu sehr gewöhnt aus all den Jahren, in denen ich aus verschiedensten Gründen die jeweilige aktuelle Situation nur ganz schwer ertragen hätte, wenn ich wirklich voll und ganz anwesend gewesen wäre.
Vielleicht brauche ich Zeit mit mir selbst und mit positiven Erfahrungen, um zu lernen, dass es gut gehen kann, in einer Situation auch wirklich innerlich verweilen zu können.
An diesem Punkt, an dem mir eigentlich bewusst ist, dass es mir für meine innerliche Heilung wirklich helfen kann, diesen räumlichen Abstand einzuhalten, sagt eine andere Stimme in mir, dass mich das doch alles überfordert, wie man jetzt sieht, da ich krank bin und doch auf die Unterstützung meiner Eltern angewiesen bin. Und dass die Angst in verschiedenen Situationen, wie bei den Spaziergängen mit meinem Hund, zu sehr überwiegt. Diese diffuse Angst, die sich so schwer in Worte fassen lässt- eine Angst davor, aufzufallen, von anderen Menschen angesprochen zu werden, kritisiert zu werden, einfach die Angst davor, wirklich da zu sein und als Mensch wahrgenommen zu werden. So, wie ich am Arbeitsplatz mich nur wohl fühle in der Rolle, in der ich tätig bin, nicht aber, sobald ich als Mensch sichtbar werde.
Vielleicht ist das ein ähnlicher Zusammenhang wie bei diesem nicht- im- Moment- bleiben- Können: Ich versuche, nicht wirklich da zu sein, sei es in eigentlich entspannenden Momenten, die ich mit mir selbst verbringen könnte, sei es, wenn ich mich außerhalb meiner Rolle unter Menschen aufhalte. Irgendetwas in mir scheut sich sehr ausgeprägt davor, als Ich wahrgenommen zu werden. Dieser abhängige Anteil in mir, der immer davon überzeugt ist, alleine das Leben nicht auf die Reihe zu bekommen, zu scheitern, krank zu werden, Schwierigkeiten zu haben, hat so viel Macht über den Anteil, der doch einiges bisher im Leben erreicht hat und sich dessen durchaus bewusst ist, wenn auch nur sporadisch. Im Zweifel siegt aber immer der ängstliche, abhängige, depressive Anteil und ironischerweise bestätigt er sich dann selbst wieder durch Erfahrungen, die daraus resultieren, dass er die Stimmgewalt hat und den erwachsenen Anteil zum Schweigen bringt.
Wenn es mir nur klarer wäre oder irgendwann in der Vergangenheit schonmal besser funktioniert hätte, diesen erwachsenen Anteil zu stärken, dann würde es das auch in künftiger Hinsicht leichter machen, diesem Anteil mehr Kraft zu verleihen.
Immerhin ist mir in den letzten Tagen zunehmend doch bewusst geworden, dass ich die räumliche Distanz, die mir meine eigene kleine Wohnung bietet, brauche und dass ich wohl hoffentlich in der Lage sein werde, die Ängste in den Griff zu bekommen, die der abhängige Anteil immer wieder streut, um diese Entscheidung in Frage zu stellen.
Im Grunde weiß ich, was ich brauche und was mir helfen könnte, dass es mir besser geht, aber dann ist da immer zuviel Persönlichkeitsanteil, der sich diesem Wissen entgegenstellt und mit seinen Argumenten, die vornehmlich auf der Erzeugung von Angst und Überzeugung, zu scheitern, beruhen, alles andere wieder vernichtet.
Der Ausweg aus diesem Dilemma liegt sicher irgendwo ganz offensichtlich vor mir, nur erkenne ich ihn nicht. Darf ihn vielleicht nicht erkennen, sagt meine abhängige Stimme.

Leben. Beruf. Wohnen.

Die Überforderung hat in den letzten Monaten in meinem Leben um sich gegriffen.
Erst habe ich in der Arbeit auf die Stelle eines sehr erfahrenen Kollegen gewechselt mit meinem eigenen inneren Anspruch, diese Stelle ebenso gut und intensiv auszufüllen wie er. Gleichzeitig hatte ich meine Arbeitszeit auf 100% aufgestockt, weil ich schon ahnte, dass es kaum möglich sein würde, mit einer Teilzeitstelle alle Aufgaben erfüllen zu können. Für mich gescheitert bin ich nicht an der tatsächlichen Menge an Arbeit- irgendwie lagen meine abgelieferten Dinge, die einem Zeitlimit unterlagen, immer noch gut im Rahmen. Auch, weil ich in diesem ersten Monat vier mal am Wochenende gearbeitet hatte und dadurch Arbeit aufholen konnte.

Außerdem war das der Monat, in dem ich eine eigene kleine Miniwohnung bezog, sie praktisch alleine renovierte, putzte und einrichtete. Im Rückblick schien ich wie in Trance zu sein. Ich hatte diesen Entschluss gefasst und dann nicht mehr weiter darüber nachgedacht. Das Zusammenleben mit der Familie erschien mir nicht mehr erträglich und, um vor mir selbst ehrlich zu sein, der Lieblingskollege, der gerade zu diesem Zeitpunkt die Stelle wechselte, hatte mich über längere Zeit hinweg intensiv genug mit seiner Perspektive der Dinge konfrontiert, die besonders auch aus seiner eigenen Lebenserfahrung resultierte, dass ich überzeugt war, mich nur retten und schützen zu können, wenn ich sozusagen floh.
Nur, ich hatte vorher schon keine Energie in Übermaß gehabt und mit dieser Summe an Belastungen ging es gar nicht mehr. Ich war immer wieder für einige Tage krank, nahm einige Tage Urlaub- immer in der Hoffnung, dass sich irgendetwas bessern würde.
Statt mich wirklich einzuleben in dieser neuen Wohnung überforderte mich die Nähe zu meinem Arbeitsplatz, mich überforderte die Tatsache, dass ich mehrmals am Tag mit meinem Hund das Haus verlassen und in immer und zu jeder Zeit irgendwie belebte Gegenden gehen musste, mich nicht verkriechen konnte und immer und jederzeit auf Menschen treffen konnte. Einige Zeit hielt ich es auch, aber auch das machte mich zunehmend fertig. Ich fühlte mich immer ungeschützter, ausgelieferter. Alleine in der Wohnung, das war ok, da konnte ich mich zurückziehen, aber sobald ich die Wohnung verlassen musste, ging es nicht mehr. Dann wurde mir alles zuviel.
Und bei jeder der kleineren Krankheiten floh ich sozusagen zu meinen Eltern, weil ich eben durch die unmittelbare Nähe zu meinem Arbeitsplatz ja nicht einmal ohne blödes Gefühl mit meinem Hund hätte rausgehen können. Zeitweise ließ vor allem meine Mutter mich durchaus spüren, dass sie es als Kapitulation ansah, als Eingeständnis, dass ich einen Fehler gemacht hatte mit meiner unüberlegten, impulsiven und fast Nacht- und- Nebel- Anmietung dieser Wohnung.
Aktuell aber, als ich seit vergangener Woche wirklich sehr krank war, hat es nichts triumphierendes, sondern sie war wirklich da, hat sich wirklich gekümmert. Ohne Vorwürfe oder Vorhaltungen und im Rahmen ihrer Möglichkeiten wirklich fürsorglich.

Der Gedanke, das alles so weiterzumachen- zwei Wohnungen zu unterhalten, immer zu entscheiden, welche ich nutze, der finanzielle Aufwand und vor allem der Gedanke daran, am Arbeitsplatz so weiterzumachen wie bisher, der zermürbt mich. Lässt mich nachts nicht schlafen. Verstärkt meine Beschwerden, die ich momentan ohnehin schon habe. Lässt mich verzweifelt überlegen, ob ich nicht einfach einen ganz schlecht bezahlten Job annehme, Hauptsache nicht mehr so ausgelaugt werden, Hauptsache nicht mehr so am Ende zu sein. Lässt mich ständig damit hadern, diesen Beruf ergriffen zu haben, der mich mit seiner Last an Verantwortung und in seiner Komplexität so völlig überfordert (Und dabei arbeite ich schon einem Bereich, der eigentlich als einer der ruhigsten und am wenigsten überforderndsten in diesem Beruf gesehen werden kann- und selbst da bin ich überfordert). Gleichzeitig ist mir aber schon auch bewusst, dass ich mir eben auch durch diesen Beruf die Möglichkeit erarbeitet habe, deutlich weniger Stunden arbeiten zu können und davon trotzdem noch ein gutes Leben führen zu können. Insofern wäre es tatsächlich auch aus Selbstfürsorge nicht sehr schlau, das aufzugeben.
Aber die große Hürde, vor der ich beruflich stehe an diesem Punkt, ist der Schritt, meinem Oberchef mitzuteilen, dass ich meine Arbeitszeit deutlich reduzieren möchte, ihm ein Zeitmodell sowie eine mögliche Arbeitsaufteilung vorzuschlagen. Um meine Kompromissbereitschaft und vielleicht auch die Wichtigkeit, die dieser Wunsch für mich hat, zu unterstreichen, werde ich ihm anbieten, dass mir diese Tätigkeit dann nicht für meine Weiterbildung anerkannt wird. Er hat sehr klare Vorstellungen, was man tun muss, um es als solche anerkannt zu bekommen und die würde ich in meinem Modell eher nicht erfüllen. Aber mir ist zunehmend klar, dass mir das ziemlich egal ist, es geht mir soviel mehr darum, so etwas wie Leben zu haben, atmen zu können und nicht völlig kaputt zu gehen als möglichst schnell irgendein Ziel zu erreichen. Zumal gar nicht mal so offensichtlich ist, ob dieses Ziel es überhaupt wert ist, erreicht zu werden, aber das ist ein anderes Thema.
Weil dieser Chef mich aber im persönlichen Gespräch erheblich einschüchtert durch seine Art, einen zu behandeln, denke ich darüber nach, mein Anliegen schriftlich zu formulieren. Ich weiß nicht wirklich, ob das in seinem Fall eine gute Idee ist, aber ich muss handeln. Es geht so nicht mehr weiter und ich kann so nicht weiter machen. Jetzt brauche ich den Mut, das auch zu formulieren.
Ein anderer Punkt ist diese Sache mit den Wohnungen. Mein Gefühl möchte die zweite Wohnung wieder aufgeben. Einmal, weil es finanziell sonst wirklich schwierig wird, wenn ich Arbeitszeit reduziere und zum anderen, weil es mich so sehr überfordert und kräftezehrend ist.
Vielleicht ist es der Beweis, dass ich gescheitert bin mit dem Versuch, wirklich selbstständig zu leben und für mich sorgen zu können. Weil, ich habe es nicht geschafft, ich habe viel zu wenig gegessen, an Gewicht abgenommen, dadurch ging es mir immer noch schlechter und meine Kraft wurde immer noch weniger. Nicht, dass ich sonst so übermäßig gut für mich sorgen kann, aber besser zumindest schon, wenn noch Menschen da sind, die das so ein bisschen im Blick haben und die im Zweifelsfall einspringen, bevor ich nichts esse.

Gut, dann bin ich eben damit gescheitert. Vielleicht bin ich eben nicht der mensch, der in der Lage ist, Vollzeit zu arbeiten, an den Wochenenden auch noch zu arbeiten, dabei gut für sich selbst zu sorgen, sich um ein weiteres Lebewesen gut zu kümmern und möglichst noch die Freizeit so zu nutzen, dass es einem danach besser geht.
Vielleicht bin ich zu empfindlich. Vielleicht bin ich zu depressiv in meiner Grundstruktur. Vielleicht bin ich zu wenig wirklich unabhängig und erwachsen. Vielleicht ist das eben alles so.
Nur, ich kann es ohnehin nicht ändern. Nein, egal wie sehr andere mir suggerieren, dass ich mich nur zusammen nehmen muss, dass ich nur ausreichend Willen haben muss, um mich adäquat zu verhalten- nein, diesen Willen habe ich nicht, weil ich auch dafür nicht die Energie habe.
Und ein klein wenig innerer Rebellionsgeist ist doch dabei, der nicht bereit ist, deswegen alles aufzugeben, was ich mir in den letzten Jahren in diesem harten Studium erarbeitet habe. Der stattdessen findet, dass es möglich sein muss, einen Mittelweg zu finden für mich.