Donnerstagsgedanken

  
…Wie seltsam traurig es ist, zu wissen, dass es in der Familie einen neuen Erdenbürger gibt. Zu dem ich aber kaum Kontakt haben werden, wegen Diskrepanzen, die sich scheinbar nicht überwinden lassen. Noch trauriger als das scheint mir aber fast meine innere Abwehr zu sein, die schon den Versuch, etwas an diesen Diskrepanzen von meiner Seite aus zu ändern, unterbindet. Bin ich ein seltsamer, kaputter Mensch, wenn ich mich innerlich nicht bereit fühle, mit Menschen, die einen Gutteil Gene mit mir gemeinsam haben, irgendwie auszukommen? Statt dieser Bereitschaft, die meinem Gefühl nach viele andere Menschen ganz selbstverständlich verspüren, bemerke ich nur die Überforderung, die innere Ablehnung und das Bedürfnis, mich abzuschotten, wenn ich darüber nachdenke, wie es wäre, wieder Anteil am Leben dieser Verwandten zu nehmen. Sie sind mir so fremd und wühlen so viel in mir auf, dass es mir die Kraft nicht wert scheint, da eine gemeinsame Basis zu erkämpfen. 

…Wie bitter fühlt sich die Enttäuschung an, dass in einem anderen zwischenmenschlichen Bereich, der Arbeit, mein Versuch, mich zu integrieren und engere Kontakte aufzubauen, weitestgehend gescheitert ist. Mir ist meine Andersartigkeit durchaus bewusst- bin ich doch diejenige, die immer ihr eigenes Essen mitbringt, die nicht verzweifelt auf der Suche nach einem Mann und damit verbunden gedanklich im Familienplanungsmodus ist, die nicht mittrinkt, wenn alle sich etwas schöntrinken, die sich schwer tut, über so manche unhygienischen Zustände im Heim der verschiedenen Gastgeber hinwegzusehen. Es ist mir bewusst, ich weiß, dass ich nicht in die normalen Schemata passe. Ich weiß, dass ich zwar immer sehr freundlich bin und mit niemandem in eine konflikthafte Beziehung trete, aber dennoch nicht leicht als Freundin in ein bestehendes soziales Umfeld zu integrieren bin. Ich weiß, dass meine vielen krankheitsbedingten Ausfälle in den letzten Monaten den anderen viel an Mehrarbeit abverlangten. Ich weiß aber auch, dass ich mich dafür oft entschuldigt habe, dass ich erklärt habe, welche Erkrankung ich habe und warum ich immer wieder ausfalle und dass ich mich an vielen, vielen Tagen mit kaum vorhandener Kraft durch den Arbeitstag geschleppt habe. Waren Kollegen krank, habe ich immer wieder kurze Nachrichten geschrieben, nachgefragt, erkundigt, ob sie etwas bräuchten. Ich weiß nicht, an welchem Punkt ich etwas falsch gemacht habe, warum kaum jemand jemals bei mir nachgefragt hat, wenn ich krank war, sehr wohl aber nachfragen konnte, ob ich trotz Krankheit den ungeliebten Wochenenddienst übernehmen kann, für den ich eingetragen war. Vielleicht ist es auch zuviel verlangt, dass solche Nachrichten mit einem kurzen „gute Besserung“ oder „wie gehts dir“ verbunden werden könnten. Vielleicht ist das eben nicht üblich. Vielleicht bin aber doch ich so seltsam und andersartig, dass man eben nur mir solche Nachrichten schickt, ohne eine kleine Nachfrage, vielleicht gehen die anderen untereinander anders miteinander um. Vielleicht ist es meine eigene soziale Inkompetenz, die all das hervorruft- diese Unfähigkeit, in wirklich engen Kontakt zu anderen Menschen zu treten. Scheinbar bin ich in Kontakt, werde gemocht, aber hinter der Fassade scheine ich in irgendeiner Form immer zu anders zu sein, als dass ich als wirklich zugehörig aufgenommen werden würde.

…Wie schwer können all solche Gedanken sein, wie sehr können sie einem im Kopf herumschwirren und all das Denken beherrschen und die Leichtigkeit davontragen. 

Absurd, dass gerade die zwischenmenschlichen Themen soviel Raum einnehmen in meinem Denken, wo ich doch den zwischenmenschlichen Kontakt als solches kaum vermisse und nicht herbei sehne. Wie angenehm ist es doch, einfach nur alleine und in Ruhe den Tag zu verbringen. Und dennoch schleichen sich an regenschwangeren Tagen wie heute dann die dunklen Gedanken aus dem Hinterhalt nach vorne und möchten die Macht übernehmen. 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s