Status quo

Nachdem ich lange weder in meinem eigenen noch in anderen Blogs geschrieben habe und auch nicht auf Twitter war, merke ich langsam das Bedürfnis, mich zumindest schrittweise mitzuteilen. Heute habe ich wieder einmal bemerkt, dass ich im Grunde aus dem immer gleichen Status quo nicht herauskomme. Es ändern sich immer ein paar Kleinigkeiten, aber vor meinem inneren Auge stellen sich meine verschiedenen Befindlichkeiten wie in einem Kreis dar- befinde ich mich an der einen Stelle des Kreises, kann ich mit ziemlicher Sicherheit davon ausgehen, mich demnächst an einer ganz bestimmten anderen Stelle wiederzufinden. Und so geht es immer weiter, als wäre ich tatsächlich unfähig, den Ausstieg zu finden. Ein Gedanke, den ich nicht zu Ende denken möchte- würde er doch bedeuten, dass ich in diesem Kreis, der sich auf einem gedrückten emotionalen Niveau befindet, ein ganzes Leben lang verharren müsste. Das Grauen, das mich bei diesem Gedanken befällt, müsste eigentlich schon Antrieb genug sein, um es zu schaffen, diesen Kreislauf zu durchbrechen. 

Um für mich ein wenig mehr Klarheit in diesen Nebel aus Gefühlen und Wünschen zu bringen, versuche ich mal, den Status quo zu schildern.

In letzter Zeit ist mir das, was Psychotherapeuten gerne als „inneres Kind“ bezeichnen, immer wieder sehr bewusst. Ich merke, dass viele meiner Bedürfnisse- psychisch/seelisch das Bedürfnis, freundlich behandelt zu werden, keinen unberechenbaren Reaktionen ausgeliefert zu sein, gelobt zu werden, „lieb“ gehabt zu werden, keine Leistung erbringen zu müssen und körperlich das Bedürfnis, ausgeschlafen zu sein, genug essen und trinken zu können, mich schmerzfrei und ohne große Erschöpfung bewegen zu können- sehr kindliche Bedürfnisse sind. Es fällt mir schwer, sie deshalb als zulässige Bedürfnisse anzuerkennen, schließlich bin ich erwachsen und sollte jenseits solcher kindlichen Wünsche leben können. Gleichzeitig ist mir durchaus klar, dass es einfach auch ganz normale menschliche Wünsche sind.

Immer deutlicher wird mir aber vor allem, dass viele dieser Bedürfnisse als Kind nicht wirklich erfüllt wurden. Wäre es nun so, dass meine Familie offensichtlich nicht in der Lage gewesen wäre, diese Bedürfnisse zu erfüllen und könnte ich mit diesem klären Bewusstsein auf meine Kindheit zurück schauen, dann wäre es vielleicht leichter (wenn auch natürlich nicht weniger schmerzhaft), dies anzuerkennen. Nun war es aber so, dass es an der Oberfläche immer so aussah und auch in der Rückschau immer noch so aussieht, als wären alle meine Bedürfnisse erfüllt worden und als wäre ich gut rundum versorgt worden. Das Subtile, Unterschwellige war nur bei ganz genauem Hinsehen und Hinhören zu spüren. Wenn ich mir die Fakten ansehe, kann ich es ja nicht mal selber wahrnehmen. Und das macht es mir so schwer, anzuerkennen, dass der kindliche Teil in mir alles Recht der Welt hat, traurig zu sein und diese Bedürfnisse so sehr zu verspüren. 

Und absurderweise scheine ich einfach übergangslos nach der Kindheit immer weiter gehofft zu haben, dass meine Eltern diese Bedürfnisse irgendwann doch noch erfüllen würden. Nach dem Motto: Wenn ich mir nur richtig verhalte (ohne so wirklich genau zu wissen, was „richtig“ bedeuten würde, schließlich wechselte die Bedeutung dieses Wortes in Bezug auf mein Verhalten sehr rasch je nach Situation), dann bekomme ich bestimmt eines Tages mal ein Gefühl, wie sich bedingungslose Liebe anfühlt. Wie das ist, wenn man in den Arm genommen wird, weil man in Ordnung ist, so wie man ist und nicht, weil die Mutter entweder gerade Trost brauchte oder ein Machtbedürfnis zeigen wollte. Ich lebe im Grunde mein ganzes Leben darauf ausgerichtet, irgendwann doch noch genug Liebe und Zuwendung zu erhalten.

Und weiß doch gleichzeitig, dass das definitiv nicht passieren wird. Weder in dieser Familie noch außerhalb davon, alleine schon deswegen, weil ich es einfach gar nicht kann, mich auf irgendeine tiefer gehende Beziehung einzulassen. Vielleicht aus Angst, auch dann wieder nur kämpfen zu müssen, vielleicht aber auch ganz banal, weil ich die Auseinandersetzungen scheue, die unweigerlich auftreten, sobald ich Kontakte außerhalb des engen Familienkreises habe.

Es nervt mich, es nervt mich so unglaublich, dass ich anscheinend so unfähig bin. Ich bin nicht grundsätzlich außer Stande, Situationen, in denen ich mich nicht wohlfühle, zu ändern, aber in dieser familiären Situation schaffe ich es nicht.
Dabei scheinen es solche Banalitäten zu sein:

Ich würde mich gerne in meiner Wohnung sicher fühlen, was für mich bedeuten würde, dass ich nicht den ganzen Tag bis 20.00 Uhr (dann beginnt das Fernsehprogramm und ich kann sehr sicher sein, dass das immer oberste Priorität hat) jederzeit damit rechnen müsste, dass jemand herein kommt. Immer mit vermeintlich „wichtigen“ Anliegen, die natürlich immer auch einige Stunden hätten warten können. 

Und so lächerlich es klingt, ich schaffe es nicht, dann halt einfach die Wohnungstür zuzusperren oder wenigstens ein „Nicht stören“ Schild an die Tür zu hängen. Ich schaffe es einfach nicht. Und komme mir so unfähig dabei vor. Wenn ich versuche, heraus zu finden, warum das so ist, kommt immer wieder eine große Angst vor dem „Verstoßenwerden“ in mir hoch. Denn immer wieder, wenn ich im Gespräch versucht habe, um mehr Privatsphäre zu bitten, kamen Vorwürfe („ich war nur deinetwegen rein gekommen, weil dies und das ganz wichtig für dich waren“ oder „neulich als du krank warst, musste ich dir ja schließlich helfen“), verbunden mit der beleidigten Aussage „ich komm jetzt überhaupt nicht mehr zu dir, wirst schon sehen“. Was dann vielleicht 24 Std. Anhält, in denen ich nur angespannt bin und darauf warte, wann mir mein „frecher“ Vorstoß verziehen wird. Denn ich kann dann nicht daran denken, dass wenigstens im Moment meine Wünsche respektiert werden, sondern nur daran, dass ich jetzt als Strafe für mein Autonomiestreben ignoriert werde. 

Womit ich mich mitten in einem dieser Kreise befinde- ein Ausstieg wäre nur möglich, wenn es mir gelingt, nicht die Strafe wahrzunehmen, sondern den Fokus auf den Respekt gegenüber meinen Wünschen zu legen. Sodass ich dann, sobald die Straf- Phase vorüber ist und wieder munter herein marschiert wird, den Mut und die Kraft habe, wieder auf meine Grenzen und Wünsche hinzuweisen, anstatt das erneute Missachten wie eine Erlösung wahrzunehmen, weil mir ja verziehen wurde und ich wieder „lieb gehabt“ werde. 

Vielleicht könnte es so funktionieren. 

Beim Schreiben erscheint es mir so viel klarer und offensichtlicher, ein großes Geschenk des Schreibens, immer und immer wieder.

Und gleichzeitig merke ich, wie schwer es ist, dieses Gefühl des kleinen Kindes auszuhalten, das für einen eigentlich legitimen Wunsch mit der Erfüllung dieses Wunsches bestraft wird und diese unterschwellige Absurdität einfach gar nicht versteht. Verbunden mit der Traurigkeit, dass es dann wohl jetzt nicht mehr geliebt wird, weil es versucht hat, einen eigenen, getrennten Wunsch zu formulieren. 

Als Erwachsene verstehe ich den Zusammenhang und begreife auch, dass der Wunsch nach Liebe und Zugehörigkeit den Wunsch nach Autonomie deutlich übertrifft. Gleichzeitig versuche ich, dem Kind klar zu machen, dass der erste Wünsche zwar auch völlig gerechtfertigt ist, aber von den Menschen, auf die er sich von Anfang an konzentrierte, niemals wirklich erfüllt werden wird. Ganz egal, wie lange wir darum kämpfen würden. 

Dabei auch noch zu wissen, dass all die subtilen Bestrafungen, das Machtausüben, der Liebesentzug und die Drohungen nicht mal aus wirklicher Bösartigkeit, sondern einfach auch nur wieder aufgrund nicht erfüllter eigener Wünsche stattfinden, macht es nicht leichter. Einfach wäre, hassen zu können aufgrund von gemeiner Boshaftigkeit. Viel schwieriger ist das Anerkennen, dass alle Beteiligten unerfüllte Bedürfnisse haben, ich aber nicht für all diese Wünsche verantwortlich bin. Und wenn ich nicht bald lerne, mir wenigstens ansatzweise meine eigenen Bedürfnisse zu erfüllen, dann werde ich sehr bald keine Kraft mehr haben, noch die Wünsche anderer Menschen zu erfüllen.

Zunehmend drängt sich mir nämlich auch die Erkenntnis auf, dass diese abgrundtiefe Erschöpfung, die seit Jahren immer mehr zunimmt, sicher zu einem großen Teil auch auf diese permanenten inneren Kämpfe, all die geschluckten Tränen, nicht ausgesprochenen Worte und die ständige Anspannung ohne ein Gefühl der Sicherheit erfahren zu können, zurück zu führen ist. 

Es ist so sehr höchste Zeit. 

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